Die Historie des Bochumer Bismarckturms - Teil 1
Der Bochumer Bismarckturm blickt auf eine bewegte, wechselvolle Geschichte zurück, die eng mit der Entwicklung des ihn umgebenden Stadtparks verwoben ist. Die folgende Abhandlung dokumentiert den historischen Werdegang des Bauwerks von den ersten Planungen im Kaiserreich über die schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bis hin zur umfassenden Sanierung und Neuausrichtung in der Gegenwart.
Von der Idee zur Planung
Die Geschichte des Bochumer Bismarckturms erstreckt sich über weit mehr als ein Jahrhundert und ist eng mit der Entwicklung des ihn umgebenden Stadtparks verknüpft. Das Bauwerk durchlief eine wechselvolle Entwicklung, die von den ersten bürgerlichen Initiativen des Kaiserreichs über die dramatischen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs bis hin zu einer tiefgreifenden Sanierung in der Gegenwart reicht. Der geschichtliche Werdegang zeigt eindrucksvoll, wie ein Bauwerk im Laufe der Jahrzehnte seine Rolle veränderte und sich von einem politisch genutzten Monument zu einem friedlichen Aussichtsturm und bedeutenden Identifikationsort für die lokale Bevölkerung wandelte.
Die konkreten Ursprünge des Turms liegen im Jahr 1904, als sich auf Initiative führender und einflussreicher Persönlichkeiten der Stadt Bochum ein vaterländisches Denkmalkomitee gründete. Dieses Gremium setzte sich das Ziel, ein bleibendes Denkmal zu Ehren des ersten Reichskanzlers Otto von Bismarck zu realisieren. In den ersten Jahren nach der Gründung konzentrierte sich die Arbeit des Komitees vor allem auf die administrative Vorbereitung und die Akquise der notwendigen finanziellen Mittel. Die Spendenbereitschaft innerhalb der Bochumer Bevölkerung und insbesondere unter den wohlhabenden Vertretern der ansässigen Kohle- und Stahlindustrie war enorm.
Die entscheidenden Weichen wurden im Jahr 1908 gestellt, als die Bochumer Stadtverordnetenversammlung offiziell die Zusammenarbeit mit dem privaten Denkmalkomitee beschloss. Zu diesem Zeitpunkt waren durch private Zuwendungen und städtische Zuschüsse insgesamt rund 100.000 Goldmark zusammengekommen, eine für die damalige Zeit immense Summe, die die wirtschaftliche Finanzierung des Projekts vollständig absicherte. Im selben Jahr schrieb die Stadtverwaltung einen hochkarätigen, reichsweiten Wettbewerb für Architekten aus. Die Ausschreibung forderte ein monumentales Bauwerk, das eine funktionale Aussichtsplattform mit einer technischen Vorrichtung für ein großes Festfeuer kombinieren und sich harmonisch in die Landschaft einfügen sollte.
Der Wettbewerb löste in der deutschen Architektenschaft eine überwältigende Resonanz aus, sodass weit über 500 unterschiedliche Entwürfe bei der Jury in Bochum eingingen. Das Spektrum der eingereichten Arbeiten reichte von historisierenden, burgartigen Wehrtürmen bis hin zu modernen Entwürfen im Jugendstil oder Elementen der beginnenden Reformarchitektur. Die eingesetzte Fachjury vergab nach langen Sichtungen mehrere Preise.
Die endgültige Entscheidung der Bochumer Stadtverordnetenversammlung fiel nach intensiven und kontroversen Debatten jedoch nicht auf den ersten Platz, sondern auf ein Projekt, das ursprünglich mit dem dritten Preis ausgezeichnet worden war. Dieser Entwurf trug den programmatischen Namen Der Riese und stammte aus der Feder des jungen, damals erst sechsundzwanzigjährigen Breslauer Architekten Albrecht Friebe. Friebe, ein talentierter Schüler und enger Mitarbeiter des bekannten Baumeisters Hans Poelzig, überzeugte die städtischen Entscheider durch eine kraftvolle und archaische Massenwirkung seines Modells, die den damaligen Zeitgeist perfekt traf.
Der Standort und die Phase der Errichtung
Als optimaler Baugrund wurde von der städtischen Bauverwaltung bewusst der höchste topographische Punkt im Stadtpark ausgewählt. Der Stadtpark befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Phase der Vergrößerung, die im Rahmen der sogenannten zweiten Parkerweiterung realisiert wurde. Diese Platzierung erwies sich als kluger städtebaulicher Schritt, da der Turm dadurch zur optischen Krone des gesamten Geländes wurde und sowohl von der neu entstehenden großbürgerlichen Villenbebauung des Stadtparkviertels als auch aus der tiefer gelegenen Innenstadt weithin sichtbar war.
Unter der logistischen Leitung der städtischen Behörden und unter großer Anteilnahme der Bochumer Bürgerschaft wurde im März 1909 die feierliche Grundsteinlegung vollzogen. Trotz der enormen bautechnischen Komplexität, die das massive Gesteinsmauerwerk mit sich brachte, schritten die Bauarbeiten unter der Aufsicht lokaler Handwerksbetriebe zügig voran. Als primärer Baustoff wurde regionaler Ruhrsandstein ausgewählt. Dieses Material zeichnete sich durch eine hohe Witterungsbeständigkeit aus, was angesichts der durch die umliegenden Industrieanlagen stark schadstoffhaltigen Luft in Bochum von großem Vorteil war. Zudem transportierte der Sandstein durch seine raue, bossierte Oberflächenstruktur genau die vom Architekten gewünschte, urwüchsige und unerschütterliche Kraft.
Die feierliche Einweihung und der frühe Betrieb
Nach einer reinen Bauzeit von rund eineinhalb Jahren war das imposante Bauwerk im Herbst 1910 vollständig fertiggestellt. Am 16. Oktober 1910 fand die feierliche Einweihung des Bismarckturms statt. Dieses Ereignis entwickelte sich zu einem vaterländischen Volksfest für die gesamte Region. Tausende Bürgerinnen und Bürger strömten in den Stadtpark, zahlreiche Musikkapellen spielten auf den Festwiesen, und am Abend wurde die gewaltige, aus schwerem Gusseisen gefertigte Feuerschale auf der Turmspitze zum ersten Mal entzündet. Die weithin sichtbaren, lodernden Flammen sandten ihr Licht weit über die Zechen, Fabriken und rauchenden Schlote des mittleren Ruhrgebiets aus und besiegelten den Einzug des Monuments in das kollektive Gedächtnis der Stadt.
In den darauffolgenden Jahren wurde der Bismarckturm regelmäßig als Aussichtspunkt genutzt und bildete das logistische Zentrum für verschiedene Festlichkeiten. Ein wichtiger historischer Meilenstein für die Ausgestaltung des Innenraums folgte im Jahr 1912. Im Rahmen einer feierlichen Bismarck-Gedenkfeier wurde in der zentralen Halle im Erdgeschoss eine kunstvolle Bismarck-Büste eingeweiht. Gleichzeitig brachte das Denkmalkomitee eine bronzene Gedenktafel an, die dem Stadtrat Otto Hünnebeck gewidmet war, der als einer der frühesten und engagiertesten Förderer des Turmbaus galt. Die gusseiserne Feuerschale auf dem Dach wurde bis weit in die 1920er Jahre hinein zu bestimmten nationalen Feiertagen oder Gedenktagen entzündet und mit einem speziellen Gemisch aus Teer, Holz und Kohle betrieben.
Die Jahre des Zweiten Weltkriegs
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 begann der dramatischste und dunkelste Abschnitt in der Geschichte des Bauwerks. Aufgrund seiner exponierten Lage auf dem höchsten Punkt des Stadtparks und seiner markanten, weithin sichtbaren Silhouette wurde das Bauwerk im Zuge des intensivierten Luftkriegs über dem Ruhrgebiet zu einer potenziellen navigatorischen Orientierungsmarke für alliierte Bomberverbände. Die Industriestadt Bochum, die aufgrund der kriegswichtigen Stahlproduktion des Bochumer Vereins im Fokus der alliierten Strategen stand, wurde das Ziel zahlreicher schwerer Luftangriffe.
Ein erster schwerer Schlag traf das Areal in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 1943, als Bochum einen verheerenden Großangriff erlebte. Der Stadtpark wurde dabei von unzähligen Spreng- und Brandbomben getroffen. Während der Bismarckturm wie durch ein Wunder von direkten schweren Sprengbombenvolltreffern verschont blieb, richteten die enormen Druckwellen der in unmittelbarer Nähe explodierenden Bomben beträchtliche Schäden an. Die repräsentativen Freitreppen und die weitläufige Sockelplattform wurden teilweise aufgerissen. Zudem schlugen Splitter von Flakgranaten und Bomben tiefe Wunden in die bossierte Sandsteinfassade des Schafts, zerstörten die schmalen Fensteröffnungen und beschädigten das weit ausladende Hauptgesims im oberen Drittel.
Das endgültige Inferno folgte am 4. November 1944, dem schwärzeste Tag in der Geschichte der Stadt Bochum. Ein massiver Bombenteppich wurde über der Innenstadt und dem angrenzenden Stadtparkviertel abgeworfen. Der Stadtpark glich nach dem Angriff einer apokalyptischen Kraterlandschaft, zwei Drittel des historischen Baumbestands wurden komplett vernichtet, und benachbarte Gebäude wie das Josephshospital wurden schwer getroffen. Der Bismarckturm stand im direkten Zentrum dieses Angriffs und erhielt mehrere verheerende Nahtreffer.
Zahlreiche Brandbomben drangen durch die bereits zerstörten Fensteröffnungen direkt in das Innere des Turms ein. Sie setzten sämtliche hölzernen Einbauten, Zwischendecken und die historischen hölzernen Treppenteile in Brand. Das Innere des Turms brannte tagelang vollständig aus. Die historische Gedächtnishalle im Erdgeschoss wurde durch die enorme Hitze und den dichten Ruß schwer gezeichnet, und auch die dort aufgestellte Bismarck-Büste trug erhebliche Beschädigungen davon. Trotz dieser massiven Einwirkungen erwies sich die statische Grundkonstruktion aus massivem Ruhrsandstein jedoch als unbezwingbar. Der Turm stürzte nicht ein, sondern überstand das Flammeninferno als ausgehöhlter, schwer vernarbter Monolith und wurde so zu einem stummen Zeugen der fast vollständigen Zerstörung Bochums.
Der mühsame Wiederaufbau in der Nachkriegszeit
Nach dem Zusammenbruch des Regimes im Jahr 1945 und dem Einzug der alliierten Truppen stand die Stadt Bochum vor gewaltigen logistischen Herausforderungen. Der Bismarckturm befindet sich in einem kritischen Zustand. Durch die schweren Bombenschäden, das vollkommene Ausbrennen des Innenraums und den langjährigen Leerstand war das Bauwerk akut einsturzgefährdet. Lose Steinteile drohten abzustürzen und gefährdeten die Passanten im mühsam wiederaufgebauten Stadtpark. In der Bevölkerung und bei den Behörden galt das Monument zudem zunächst als ungeliebtes Relikt einer vergangenen Epoche.
In den frühen 1950er Jahren änderte sich die Situation, als das städtische Hochbauamt im Zuge der allgemeinen gärtnerischen Rekultivierung des Stadtparks dringende bauliche Sicherungsmaßnahmen am Turm einleitete. Das stark beschädigte Hauptgesims am oberen Abschluss wurde statisch stabilisiert und untermauert. Die tiefen Splittereinschläge und Risse im Ruhrsandstein wurden von Steinmetzen aufwendig mit speziellem Mörtel verfugt, und die offenen Fensteröffnungen wurden vorerst provisorisch gegen die Witterung gesichert.
Auch im Inneren des Turms fanden umfassende Arbeiten statt. Die verkohlten Reste der alten Holzkonstruktionen wurden vollständig entfernt und entsorgt. Als Ersatz bauten Arbeiter eine stabile, feuersichere und moderne Treppenanlage aus Stahl und Beton ein, die den sicheren Aufstieg bis zur Plattform wieder ermöglichte. Im Rahmen dieser Arbeiten wurde das Bauwerk auch optisch verändert. Das monumentale Reichsadler-Relief über dem Haupteingang, das stark beschädigt war, sowie markante nationale Inschriften wurden entfernt oder im Zuge einer gründlichen Fassadenreinigung glatt geschliffen. Durch diese Maßnahmen verlor der Turm seinen Charakter als nationales Denkmal und wurde pragmatisch in einen reinen, zivilen Aussichtsturm umgewandelt.
Weiter zum zweiten Teil der Historie des Bochumer Bismarckturms.