Die Geschichte des Stadtpark Bochum - Teil 1


Der Stadtpark Bochum blickt auf eine lange und facettenreiche Geschichte zurück. Seit seiner Entstehung im späten 19. Jahrhundert hat sich das Areal kontinuierlich weiterentwickelt und spiegelt in seiner Struktur die gesellschaftlichen und städtischen Veränderungen der Region wider. Die folgende chronologische Übersicht dokumentiert die wichtigsten Meilensteine, historischen Entwicklungen und gestalterischen Veränderungen, die den Park bis heute geprägt haben.

1871

Der renommierte und weit über die Grenzen Westfalens hinaus bekannte Gartenkünstler Anton Strauss, dessen gärtnerische Handschrift maßgeblich durch die Epoche des späten Historismus geprägt wurde, legt nach intensiven topographischen Vorstudien den ersten visionären Generalentwurf für den neu zu schaffenden Stadtpark der aufstrebenden Industriestadt Bochum vor. Dieses tiefgründige gestalterische Gesamtkonzept basiert in seinen Grundzügen auf den klassischen Prinzipien des englischen Landschaftsgartens, modifiziert diese jedoch weitsichtig für die spezifischen sozialen und hygienischen Bedürfnisse einer rasant wachsenden Arbeiter- und Bürgerbevölkerung im Herzen des Ruhrgebiets. Strauss konzipiert eine kunstvolle Synthese aus weiten Sichtachsen, geschwungenen Wegen und malerischen Gehölzgruppen, die einen bewussten Kontrast zur rauchenden Industrielandschaft bilden sollen.

1875

Die intensiven logistischen, juristischen und finanzplanerischen Vorbereitungen für die praktische Umsetzung des Monumentalprojekts beginnen im städtischen Bauamt. Da der ursprüngliche Schöpfer Anton Strauss die Realisierung aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selbst überwachen kann, wird die operative und künstlerische Leitung der anspruchsvollen Erdarbeiten am Bochumer Stadtpark offiziell an seinen hochtalentierten Sohn Heinrich Strauss übertragen. Heinrich Strauss, der die planerische Philosophie seines Vaters mit moderner gartenbaulicher Expertise und ingenieurstechnischem Wissen verknüpft, verfeinert die Pläne und passt sie an die realen Gegebenheiten des hügeligen Geländes an.

1876

Im Mai dieses geschichtsträchtigen Jahres erfolgt unter der persönlichen Aufsicht von Heinrich Strauss der offizielle und lang ersehnte Baubeginn auf dem vormaligen Agrar- und Heidegelände. Das für den Park vorgesehene Areal, welches strategisch günstig zwischen der Bergstraße an der Westseite und der weit in den Osten führenden Castroper Straße liegt, wird im Zuge der ersten Ausbauphase massiv auf eine stolze Gesamtfläche von 52 Morgen erweitert, was exakt einer Fläche von 13 Hektar beziehungsweise 130.000 Quadratmetern entspricht. Damals mussten hunderte von Arbeitern mit Schaufeln, Hacken und Pferdewagen gewaltige Erdmassen bewegen, um das charakteristische topographische Relief, die künstlichen Senken für die späteren Teichanlagen und die sanften Hügelketten zu modellieren, sodass die groben Erdarbeiten bis zum Ende des Jahres 1876 erfolgreich und termingerecht abgeschlossen werden können.

1877

Die aufwendigen und gärtnerisch anspruchsvollen Pflanzarbeiten auf den modellierten Flächen werden durch den weit überregional bekannten Kunst- und Handelsgärtner F. Keymer und dessen spezialisierte Kolonnen durchgeführt. Parallel zu den großflächigen Anpflanzungen schreitet auch der repräsentative Hochbau im Parkgelände unaufhaltsam voran: Das funktionale, im Schweizer Landhausstil gehaltene Gärtnerhaus sowie das erste, elegante Restaurationsgebäude werden nach den detaillierten Entwürfen des renommierten Stadtbaumeisters H. Bluth fertiggestellt. Bluth, dessen Architektur durch feine historisierende Backsteinstrukturen besticht, schafft damit die ersten baulichen Fixpunkte der Anlage. Ein besonderes gesellschaftliches Ereignis ereignet sich im selben Jahr, als die Pflanzung der ersten symbolträchtigen Eiche des sogenannten „Junggesellenhains“ im Park vollzogen wird – ein feierlicher Akt, der historisch eng mit den Traditionen der Bochumer Maiabendgesellschaft verknüpft ist. Um die Pflege dieses botanischen Schatzes langfristig in professionelle Hände zu legen, stellt die Stadt den engagierten Gärtner Wilhelm Wagener als offiziellen Parkgärtner ein, welcher die floristische Entwicklung der Anlage über die nächsten drei Jahrzehnte wie kein Zweiter prägen sollte.

1878

Im September findet unter enormer Anteilnahme der Bochumer Bürgerschaft die feierliche Einweihung des prachtvollen „Parkhauses“ statt, das ebenfalls aus der Feder von Stadtbaumeister H. Bluth stammt und als architektonisches Prunkstück im Stil der Neorenaissance gilt. Das Gebäude entwickelt sich im Handumdrehen zum unumstrittenen gesellschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt des bürgerlichen Lebens in Bochum. Bereits ab April des Jahres wird zudem der offizielle und streng kontrollierte Ausschank von frischer Milch und gesundheitsförderndem Mineralwasser im Gärtnerhaus etabliert – eine Maßnahme, die als historisches „Milchhäuschen“ in die Stadtgeschichte eingeht. Um die Sicherheit, die soziale Kontrolle und die Nutzbarkeit der weitläufigen Anlage auch in den Abend- und Nachtstunden signifikant zu verbessern, installiert die Stadt eine moderne Gasbeleuchtung mit kunstvoll verzierten, gusseisernen Laternen entlang der Hauptwege.

1879

Auf dem von Anton Strauss als kontemplativer Ruheplatz ausgewiesenen, geometrisch exakten Rondell am fernen Nordrand des Parkareals wird ein monumentales Denkmal für Kaiser Wilhelm I. errichtet, welches aufwendig aus gebranntem Ton gefertigt wurde. Im August führt der Parkgärtner Wilhelm Wagener eine akribische botanische Bestandsaufnahme durch und erstellt das berühmte „Verzeichnis der Pflanzen, welche sich in Beete resp. Gewächshäusern des Stadtparks befinden nach der Aufnahme vom 1. August 1879“, welches als wichtiges Dokument der frühen dendrologischen Vielfalt Bochums gilt und den hohen wissenschaftlichen Anspruch der Parkleitung unterstreicht.

1880

Der mittlerweile fest im Amt etablierte Parkgärtner Wilhelm Wagener setzt tiefgreifende qualitative und ästhetische Optimierungen im gesamten Parkgelände um. Nach einer kritischen Analyse der Sichtachsen schlägt er den städtischen Gremien erfolgreich vor, die auf der exponierten Parkhausterrasse gepflanzten Linden gegen schattenspendende Platanen auszutauschen, bittet formell um das Budget für den Ankauf erlesener Rosensorten und lässt wertvolle exotische Gehölze anliefern. Entlang der westlich gelegenen Bergstraße erfolgt zudem eine systematische Baum-Pflanzung, um eine grüne Barriere zur Stadt zu schaffen, und der repräsentative „Musik-Tempel“ wird als akustischer Mittelpunkt für die beliebten sommerlichen Freiluftkonzerte vollendet.

1882

Die städtische Parkverwaltung widmet sich verstärkt der Tierhaltung im Parkgelände, um den pädagogischen und familiären Charakter der Anlage zu stärken. In den Jahren 1882 bis 1883 wird ein funktionaler, gestalterisch an die Parkarchitektur angepasster Stall für das Geflügel in unmittelbarer Nähe des repräsentativen Haupteingangs errichtet, welcher sich rasch zu einem Anziehungspunkt für Kinder entwickelt.

1883

Auf einer freundlichen, weithin sichtbaren Anhöhe am Nordrand der dichten Gehölzgruppe, die das Parkhaus umschließt und östlich des inneren Rundwegs liegt, wird das kunstvolle Denkmal für den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn feierlich eingeweiht. Das skulpturale Denkmal wurde nach einem Entwurf des renommierten Bildhauers W. Gardy gefertigt und unterstreicht die wachsende Bedeutung der Turn- und Nationalbewegung im kaiserlichen Deutschland. Die Platzierung ist auf den historischen Plänen von 1895, 1909 und 1912 präzise kartiert.

1884

Das gastronomische und infrastrukturelle Angebot für die zahlreichen Parkbesucher wird durch den fachgerechten Anbau einer eleganten, wettergeschützten Veranda am Gärtnerhaus spürbar optimiert. Gleichzeitig beginnen auf Initiative von Wilhelm Wagener die konkreten Planungen für die Einrichtung eines echten Botanischen Gartens im Stadtpark, der in der Nähe des nördlichen Ruheplatzes angesiedelt werden soll, um der Bevölkerung die heimische und exotische Flora näherzubringen.

1886

Die komplexe Wegeführung im älteren Parkteil wird durch eine kurze, aber hochgradig funktionale Achse strategisch ergänzt. In den historischen Akten der Stadt wird vermerkt: „Man verband auf die Nordfront des Parkhauses zuführende Trassen mit dem am Fuß der Parkhausterrassen verlaufenden Weg“, was den barrierefreien Spaziergang rund um das gastronomische Zentrum erheblich erleichtert und den Besucherkomfort steigert.

1887

Der angesehene Gelehrte Friedrich Humpert veröffentlicht sein botanisches Meisterwerk „Bäume und Sträucher des Bochumer Stadtparks“ als wissenschaftlichen Anhang zur umfassenden „Flora Bochum“. Humpert kann zu diesem Zeitpunkt die beeindruckende Zahl von mehr als 700 verschiedenen Baum- und Straucharten, sowie lizensierten Pflanzensorten im Parkareal wissenschaftlich nachweisen. Parallel dazu hält die moderne Naturwissenschaft Einzug im Stadtpark. Die Westfälische Bergwerkskasse errichtet eine hochmoderne magnetische Warte sowie eine synoptische Wetterwarte am äußeren Rand des Teppichbeet-Rondells im Nordteil des Parks.

1888

Aufgrund des unaufhaltsamen Besucherstroms aus allen Gesellschaftsschichten stoßen die Kapazitäten des Restaurationsgebäudes im Stadtpark Bochum an ihre Grenzen. Es beginnen die umfassenden Bauarbeiten für eine großflächige Erweiterung des Gebäudes nach Nordosten hin, um zusätzliche Säle und Loggien für die bürgerlichen Festgesellschaften zu schaffen.

1889

Die Erweiterungsarbeiten am Restaurationsgebäude werden vollendet, wobei durch den asymmetrischen Anbau die ursprüngliche, streng klassizistische Symmetrie des Entwurfs von H. Bluth dauerhaft verloren geht. Zeitgleich wird im nach Norden hin erweiterten Parkgelände ein komplett neuer, feierlich gestalteter "Junggesellenhain" angelegt, da das alte Areal durch die baulichen Veränderungen seine solitäre Wirkung verloren hatte. Dies markiert den Beginn der großen räumlichen Expansion des Parks.

1890

Die städtische Bauverwaltung startet die weitreichende erste Stadtpark-Erweiterung nach Norden um rund 5 Hektar waldartig bepflanzte Fläche, bemerkenswerterweise ohne die Hinzuziehung externer Gartenkünstler, sondern rein unter der Regie der städtischen Beamten und des Parkgärtners Wagener. Das ursprünglich auf dem Strauss-Plan von 1871 vorgesehene Wildgehege in der sogenannten "Grandkuhle" (wobei das Wort Grand für groben Sand steht) wird endgültig aufgegeben und das Areal stattdessen in eine repräsentative Schmuckpflanzung umgewandelt. Zudem beginnt die Tiefbauverwaltung mit der aufwendigen Regulierung der Teiche, was die Befestigung der Sohlen und den Einzug stabiler Ufer-Spundwände umfasst.

1891

Ein andernorts im städtischen Kernbereich ausgemustertes, historisches Spritzenhaus der Feuerwehr wird im erweiterten Gärtnereibereich aufgestellt, um als funktionales Depot für empfindliche Pflanzen und gärtnerische Gerätschaften zu dienen. Auf einem freien, eigens dafür gestalteten Platz direkt gegenüber dem Jahn-Denkmal pflanzt die patriotische Bürgerschaft eine stattliche Eiche zur Erinnerung an den Dichter Theodor Körner. Zudem wird in unmittelbarer Nähe des Portierhauses am Haupteingang eine größere, architektonisch ansprechende Bedürfnisanstalt für die Besucher errichtet.

1892

Auf der im Norden frisch dazugewonnenen Erweiterungsfläche, bei der es sich ehemals um eine landwirtschaftlich genutzte Viehweide handelte, beginnt die großflächige und systematische Bepflanzung mit gemischten Laub- und Nadelbäumen. Parallel dazu wird auf dem von Anton Strauss bereits 1871 weitsichtig dafür vorgesehenen, baumbestandenen Rondell ein moderner Rasenspielplatz angelegt, um den veränderten Freizeitbedürfnissen der Jugend Rechnung zu tragen.

1893

Die intensiven gärtnerischen Gestaltungs- und Pflanz-Arbeiten auf den nördlichen Erweiterungsflächen des Stadtparks werden konsequent fortgeführt. Dabei zeigt sich jedoch im Laufe des Jahres, dass die frisch gesetzten Nadelbäume äußerst empfindlich auf die sauren und rußhaltigen industriellen Immissionen der umliegenden Bochumer Gussstahlfabriken und Zechen reagieren, was zu erblichen Wachstumsschäden führt.

1894

Die Erdarbeiten für die erste große Erweiterung werden vollständig abgeschlossen. Es entsteht ein durchdachtes Wegenetz aus geradlinigen Achsen, die von kleinen Plätzen ausgehen, sowie drei geschwungenen Wegespangen. Aufgrund der Luftverschmutzung werden die kränkelnden Nadelbäume konsequent durch robuste Laubbäume wie Buchen, Eschen, Ahorn und Linden ersetzt. Zudem baut die Westfälische Bergwerkskasse eine zweite, technologisch wesentlich verbesserte magnetische Warte auf der zentralen Rasenfläche nordöstlich des Parkhauses.

1895

Der im Jahr 1884 initiierte Botanische Garten im Stadtpark muss aufgrund des immensen Pflegeaufwands, mangelnder städtischer Zuschüsse und veränderter Nutzungskonzepte der Freiflächen endgültig aufgegeben werden. Die historische Entwicklung des gesamten Parks bis zu diesem signifikanten Wendepunkt wird auf dem berühmten, detailreichen Festplan der Bochumer Maiabendgesellschaft für die Nachwelt präzise dokumentiert.

1899

Der Bochumer Stadtpark vollzieht den endgültigen Schritt in die Moderne. Die alten, wartungsintensiven Gaslaternen aus dem Jahr 1878 werden vollständig demontiert und durch ein hochmodernes elektrisches Lichtnetz ersetzt. Die alte, lückenhafte Hecken-Einfriedung des Parks wird komplett entfernt und durch eine repräsentative „Brüstungsmauer mit verziertem Eisengitter“ ausgetauscht. An der Ecke Kurfürstenstraße und Bergstraße entsteht ein neuer Zugang, der fortan de facto als Hauptzugang fungiert, gleichzeitig wird die obere Terrasse des Parkhauses nach Süden erweitert, um einer kompletten Musikkapelle bei den populären Sommerkonzerten Platz zu bieten, da der alte Musikpavillon akustische Mängel aufwies.


Weiter geht es im zweiten Teil der Geschichte des Stadtpark Bochums.